Montag, 4. Juni 2012

Der Texter und die Textmaschine – Protokoll einer Begegnung

Die Stuttgarter Unternehmen LinguLab bietet eine von Linguisten entwickelte Software an, die Texte automatisch daraufhin testet, ob sie  benutzerfreundliche Webtexte sind. Was dahinter steckt, wollte ich als Webtexter wissen. Kann die Software nicht etwa ersetzen? Pfuscht sie mir ins Handwerk? Oder kann ich sie selber für mein Geschäft einsetzen?
Als professioneller Webtexter bin ich natürlich davon überzeugt , dass meine individuelle Dienstleistung unentbehrlich ist. Und war entsprechend skeptisch gegenüber LinguLab. Als aktiver Mitstreiter des Texterverbandes fühlte ich mich verpflichtet, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich meldete mich also im März 2012 als pro Benutzer bei www.Lingulab.de an. Die Anmeldeprozedur war unübersichtlich und ließ die Frage ungeklärt, ob ich mich für sieben oder 30 Tage kostenlos angemeldet hatte. Egal! Dafür ist die Benutzung der Programmoberfläche intuitiv und schnell zu erlernen.

Erkenntnisse der Usability-Forschung umgesetzt

Von Anfang an freute ich mich darüber, dass die Macher von Lingulab offenbar Brüder und Schwestern im Geiste sind: Sie beziehen sich ausdrücklich auf die Erkenntnisse des amerikanischen Usability-Forschers Jakob Nielsen, der einmal den Satz prägte: „How users read on the web: They don’t.“ („Wie die Benutzer im Internet lesen: überhaupt nicht.“) Damit meinte er: Sie lesen Webtexte in der Regel nicht Zeile für Zeile, sondern überfliegen sie auf der Suche nach Schlüsselwörtern. Das hatte er bei zahlreichen Live-Tests mit echten Benutzern beobachtet. Wer mit Webtexten Erfolg haben will, muss sie so gestalten, dass sie dieses Leseverhalten unterstützen. So Nielsens Predigt seit 15 Jahren, und so sage ich es seit 10 Jahren meinen Kunden. (Übrigens übersetze ich Nielsens Kolumne "Alertbox" seit 10 Jahren für das Zürcher Institut für Software-Ergonomie und Usability ins Deutsche.)

Wann LinguLab meckert

Texter können beruhigt sein: LinguLab macht selber keine Formulierungsvorschläge. Es weist auf Schwachstellen des Textes hin und macht allgemeine Verbesserungsvorschläge anhand der u. a. von Nielsen entwickelten Richtlinien. Dies aber funktioniert, wie ich selber festgestellt habe, erstaunlich gut. LinguLab deckt gnadenlos typische Schwächen von Webtexten auf (leider auch in meinen eigenen). LinguLab meckert z. B., wenn
Schlüsselwörter zu selten vorkommen oder zu weit hinten stehen,
Überschriften und Sätze zu lang sind,
Zwischenüberschriften, Hervorhebungen und Listen fehlen,
Sätze zu verschachtelt oder unpersönlich formuliert sind,
Anglizismen auftreten.

Der Griff nach dem fünften Stern

Am Ende vergibt LinguLab mal zwei, mal zweieinhalb, mal drei von fünf möglichen Sternen. Wie zum Teufel soll man da in die Champions League aufsteigen? Und schon fängt der Fachmann an, die Entscheidungen des Programms zu kritisieren. Andererseits: Das Programm kann ich als Akquise-Instument nutzen. Ich kann die alten Texte meiner Kunden durch die Analyse jagen und sagen: Anderthalb von fünf Sternen, mein Freund! Da wird’s aber höchste Zeit nachzubessern!

Von beidem später mehr.