Freitag, 15. März 2019

Kritischer Satzbau: Zeitungen verschachteln ihre Überschriften

Beispiel Neue Westfälische, 13.3.2019 (Lokalteil Herford): "Bürgerinitiative argumentiert gegen Stadtverwaltung / Straßenausbaubeiträge: Bau- und Umweltausschuss beschäftigt sich in seiner nächsten Sitzung am Donnerstag, 21. März, mit diesem Thema." Länger und unübersichtlicher geht es kaum. Vorangestellte Schlüsselworte richten mehr Schaden an als Nutzen.

Überschriften sollen möglichst kurz und prägnant sein. Bis vor zwei oder drei Jahren waren die Sublines, die Unter-Überschriften der Zeitungsartikel, in der Regel gute Beispiele für informativen, aussagekräftigen Kurztext (Microcontent). Hier erfuhren Leserin und Leser kurz und knapp, worum es im Artikel ging und was passiert ist. Die Hauptüberschrift hatte dagegen die Aufgabe, ein oft emotional geprägtes Schlaglicht auf das Thema zu werfen.

Das änderte sich, als die journalistische Sitte (oder Unsitte) aufkam, der Subline ein einzelnes Schlagwort voranzustellen. Bei der NW ist es rot gesetzt. Schlagworte, die in früheren Jahren häufig als Dachzeile über die Hauptschlagzeile gesetzt wurden. Sie sollen wohl den Lesern ermöglichen, die Artikel beim Überfliegen nach Themen zu sortieren. Was ist schlecht daran?
  • Diese Schlagworte sind in der NW häufig sinnfrei oder banal. Beispiele aus der gleichen Ausgabe: "Tagesthema", "Brandbrief", "Kritik", "Urteil", "Zweifel", "Koalition", "Bundesverband", "Umbau". Das sind keine Themen aus Lesersicht. So etwas hat keinen Informationswert.
  • Oder sie sind redundant und wiederholen nur, was anderswo in der Überschrift bereits steht: "Rechtsstreit: (...) Nun haben Gerichte entschieden". "Vergleichsvorschlag gescheitert / Kein Kompromiss:..." Dadurch werden die Überschriften länger als nötig.
  • Oder sie verschachteln die Information, die in gerader Form kürzer und klarer wäre: "Finke: Das Möbelhaus bleibt..." (kürzer wäre: Möbelhaus Finke bleibt...). "Werkzeugmaschinenbauer: Bielefelder Unternehmen erreicht..." (kürzer wäre: Bielefelder Werkzeugmaschinenbauer erreicht...)
Sehr lange Wörter wie "Werkzeugmaschinenbauer" oder "Straßenausbaubeiträge" sind als Schlüsselwörter ungeeignet, weil man sie beim Überfliegen nicht schnell genug lesen kann.

Auch beim oben zitierten Artikel erzeugt das Verschachteln überflüssige Wörter, die nur den Rückbezug zum Thema herstellen: "Straßenausbaubeiträge: ...-Ausschuss beschäftigt sich ... mit diesem Thema". Wenn das schreckliche Wort "Straßenausbaubeiträge" unbedingt als Schlüsselwort vorne stehen soll, geht das auch so: "Straßenausbaubeiträge sind Thema im Bau- und Umweltauschuss..." Letzteren kann man hier als Bauausschuss abkürzen, da es ums Bauen geht; und dass die Sitzung am 21. März die nächste Sitzung ist, ist ohnehin sehr wahrscheinlich und nicht so wichtig, dass es in der Überschrift stehen müsste.

Vergleichen wir beide Versionen!

ALT: Straßenausbaubeiträge: Bau- und Umweltausschuss beschäftigt sich in seiner nächsten Sitzung am Donnerstag, 21. März, mit diesem Thema. (118 Zeichen)

NEU: Straßenausbaubeiträge sind Thema im Bauausschuss am Donnerstag, 21. März. (65 Zeichen)

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Jens Jürgen Korff