Montag, 23. November 2015

Macht der Worte: Eurokrise und Staatsschuldenkrise

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt hat im Juli 2015 ein erschreckend erfolgreiches Beispiel für die Macht der Worte aufgezeigt: Die 2007 entstandene Finanzmarktkrise wurde 2010 besonders im deutschsprachigen Raum von zahllosen Medien, Politikern und Experten regelrecht umgetauft: Aus der Finanzmarkt- oder Bankenkrise – ich erinnere an Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman Brothers, Hypo Real Estate – wurde, simsalabim! die Eurokrise und daraus ganz schnell die Staatsschuldenkrise. Das Treiben der Bankvorstände verschwand aus dem Fokus der Öffentlichkeit; als Krisenverursacher Nummer eins galten nun plötzlich die hohen Gehälter griechischer Lehrer, Krankenschwestern und Polizisten.

Ein wesentliches Motiv dieser Umtaufe war, so Seibt, das Bedürfnis der Politiker, einen peinlichen Zustand der eigenen Machtlosigkeit zu beenden und sich wieder einen Mantel des Machertums umlegen zu können. Finanzmärkte können Politiker nämlich praktisch nicht beeinflussen; den Euro und die staatlichen Haushalte dagegen schon. Die Erfindung der Staatsschuldenkrise ermächtigte die Finanzpolitiker zu Sparkommissaren. Endlich konnten sie wieder etwas Wirksames tun: Sparprogramme ausarbeiten, Staatsausgaben kürzen, staatliche Aufgaben beenden, Gehälter kürzen, Leute entlassen, Grausamkeiten verkünden und verkaufen. Manager werden periodisch von einem ganz ähnlichen Tatendrang befallen. Wenn einem nichts anderes mehr einfällt, verkündet man halt ein Sparprogramm. Das geht immer. Dass staatliche und private Sparprogramme schon etliche Male in der Geschichte die gesamte Wirtschaft in den Abgrund gestürzt haben, ist den Aktivisten offenbar egal – Hauptsache, man ist selber wieder wichtig.