Dienstag, 5. Januar 2016

Zukunftsmeldungen werden oft zu Lügen


Am 9.12.2015 meldete die Neue Westfälische mit vielen anderen Zeitungen groß auf Seite 2: »Wende im NSU-Prozess«. Darüber ein großes Foto der angeklagten Faschistin und mutmaßlichen Mörderin. Darunter die Unterzeile: »Tagesthema: Die Hauptangeklagte B. Z. will nun ihr mehrjähriges Schweigen brechen.« Der erste Absatz des Artikels: »Was will B. Z. wohl aussagen? (…) Der 249. Verhandlungstag könnte eine Wende im Münchener NSU-Prozess bringen.« Es folgen rund 70 Zeilen, die nur offene Fragen, Spekulationen und kalten Kaffee enthalten. Die Schlagzeile »Wende im NSU-Prozess« war eine glatte Lüge, denn in Wirklichkeit hatte es am Vortag keinerlei Wende in jenem Prozess gegeben.


Auch der folgende Tag brachte die groß angekündigte Wende nicht, wie die Presse einen Tag später kleinlaut zugeben musste. Nur eine Angeklagte, die versuchte, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen – wie Millionen von Angeklagten in Millionen von Strafprozessen vor ihr. Dass eine Angeklagte zuerst schweigt und dann auf einmal behauptet, sie sei so gut wie unschuldig – auch diesen Ablauf hat es schon millionenfach gegeben. Wieso durchschauen die Journalisten dieses billige Spiel nicht? Wieso belohnen sie eine Faschistin und mutmaßliche Mörderin für ihr abgeschmacktes Manöver mit Fernsehstories, Schlagzeilen und Fotos auf den besten Sende- und Leseplätzen, also mit Kilomannjahren von öffentlicher Aufmerksamkeit? Und rechtfertigen diesen Missgriff mit einer lügenhaften Schlagzeile?

Ereignisse im Konjunktiv

Dahinter steckt keine Weltverschwörung der »Lügenpresse«, sondern – so weit meine Arbeits-hypothese – eine doppelte Schwäche: ein falsches Zeitverständnis und ein sehr fragwürdiges Verständnis von Prominenz. Falsches Zeitverständnis heißt: Die Journalisten »berichten« über ihre eigenen Annahmen, was die Zukunft bringen wird, über Ereignisse im Konjunktiv (»könnte eine Wende bringen«), als seien es Ereignisse, die am Vortag oder in den letzten Stunden tatsächlich passiert sind. Sie unterscheiden nicht mehr zwischen Tatsachen und Spekulationen, weil sie in einem kollektiven Konkurrenzwahn alle noch früher über ein mutmaßlich interessantes Ereignis berichten wollen als ihre Kollegen. Dieses Früher kann in einer allseits vernetzten Mediengesellschaft nur in der Zukunft liegen, also im Noch-nicht-Realen.

Drei Prinzipien gegen die Geltungssucht von Mördern

Äußerst fragwürdig ist die Neigung vieler Journalisten, Mörder für Prominente zu halten und für ihre Taten mit großer medialer Aufmerksamkeit zu belohnen. Sie übersehen offenbar, dass Geltungssucht ein wichtiges Mordmotiv ist. Sie spielen das Spiel der Faschistin mit und verschaffen ihr genau das, was sie haben will. So ermuntern sie andere, dem weithin sichtbaren Erfolg der Mörderin nachzueifern. Dagegen helfen der Mut, Nein zu sagen, und drei klare Prinzipien, die ich befolge:
  • Zeige niemals das Bild einer Mörderin oder eines Mörders. 
  • Nenne, wo es sich irgend vermeiden lässt, nicht den Namen einer Mörderin oder eines Mörders. 
  • Zitiere, wo es sich irgend vermeiden lässt, nicht  die Sätze einer Mörderin oder eines Mörders.
Heißt das, dass ich mutmaßliche Mörder medial zum Tode verurteile und hinrichte? Nein; denn ich behandle sie einfach nur genau so wie die mutmaßlich unschuldige Hausfrau Elisabeth Cordtomeikel aus Verl bei Gütersloh.