Mittwoch, 5. August 2009

Wolf Schneiders Sprachkritik im Video

Seit Mai 2009 gibt es auf www.sueddeutsche.de Videoclips mit kurzen Sprachkritiken des Altjournalisten und Sprachexperten Wolf Schneider ("Deutsch fürs Leben"). Schneider seziert dort z. B. die unangenehmen Aspekte der Worte "Verbraucher" und "Beziehung" ("Früher hieß das Liebe...") oder des/der Stellvertreter/-in des/der Intendanten/-tin. Schneider ist übrigens einer der wenigen Kritiker der feministischen Grammatik, der zur Kenntnis nimmt und würdigt, dass unsere herkömmliche Sprache und Grammatik tatsächlich dazu neigt, Frauen zu diskriminieren.

Etwas unpassend sind allerdings Schneiders Ausfälle gegen Lehrer. In dem Beitrag "Die Rache der Kevins" fordert er Jungen mit dem Vornamen Kevin sogar auf, es ihren Lehrern "eines Tages heimzuzahlen - irgendwie". Ein übler Missgriff in Zeiten der Amokläufe und Lehrermorde. Hintergrund ist eine Umfrage, bei der befragte Lehrer so ehrlich waren zuzugeben, dass sie mit Vornamen wie Kevin und Chantal sofort etwas Negatives assoziieren. (Ergänzt am 4.3.2010)

Pressekritik: Subtile Meinungsmache

Mit kleinen Adjektiven und unscheinbaren Verben machen Journalisten auf subtile Weise Meinung für oder gegen eine der Seiten, über die sie scheinbar neutral berichten. Zwei Beispiele aus der Neuen Westfälischen (Bielefeld) vom 1.8.2009, Seite Ostwestfalen-Lippe:

Mittwoch, 22. Juli 2009

Es lebe die Umgangssprache!

Endlich scheint es sich auch unter Sekretärinnen herumzusprechen:
Die aus dem Kanzleideutsch früherer Jahrhunderte überkommenen, von ung-Worten und Genitiven strotzenden Floskeln in Geschäftsbriefen, Angebotsschreiben usw. sind der Tod einer lebendigen Kommunikation.

Der Newsletter Sekada Daily nannte im Juni und Juli 2009 ein paar Beispiele, teilweise auch in Englisch; jeweils mit Verbesserungsvorschlag:

  • nicht: bezugnehmend auf unser Gespräch sende ich Ihnen hiermit anliegend drei Gestaltungsvorschläge / sondern: mit diesem Brief erhalten Sie 3 Vorschläge
  • nicht: ersuche Sie, mir bitte fernmündlich Mitteilung zu machen... / sondern: Wenn Ihnen eine der Möglichkeiten gefällt, rufen Sie mich kurz an.
  • nicht: den Beschluss fassen / sondern: beschließen
  • nicht: im Wege der / sondern: per
  • nicht: in Abzug bringen / sondern: abziehen
  • nicht: in Erwägung ziehen / sondern: erwägen
  • nicht: in Rechnung stellen / sondern: berechnen
  • nicht: mit Ausnahme von / sondern: außer
  • nicht: unter Beweis stellen / sondern: beweisen
  • nicht: unter Zuhilfenahme von / sondern: mit
  • nicht: zur Auslieferung bringen / sondern: liefern
  • nicht: Please be advised that a car will pick you up from the airport at 3 pm.
    / Sondern: A car will pick you up from the airport at 3 pm.
Die gemeinsame "Philosophie" der kanzleideutschen Ausdrücke ist: Ich darf um Himmels willen niemals in einem offiziellen Brief so schreiben, wie ich spreche.

Wer aber lebendig und wirksam kommunizieren will, sollte genau das tun: so schreiben, wie er oder sie spricht. Das heißt vor allem: Viele Verben im Aktiv benutzen. Kurze Sätze mit Subjekt, Prädikat, Objekt. Es lebe die Umgangssprache! Denn sie ist das lebendige Deutsch.

Beim Umlernen hilft Korffs Punkteschema für gute Sätze.

Samstag, 20. Juni 2009

Die besten Internet-Headlines der Welt

hat BBC News, nach Einschätzung des usamischen Usability-Experten Jakob Nielsen. Sie
  • sind unglaublich kurz,
  • haben eine gute Informationsfährte (d.h.sie fassen den Inhalt des verlinkten Artikels so zusammen, dass man sofort merkt, worum es dort geht),
  • beginnen stets mit einem inhaltsreichen Wort,
  • sind auch außerhalb des Kontextes verständlich.
Eine interessante Analyse. Die BBC-Headlines sind zur Nachahmung dringend empfohlen, wenn es z. B. um Firmen-News geht!

Freitag, 22. Mai 2009

Neue Headlines braucht die Welt

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass die meisten Internet-Besucher, wenn sie eine neue Webseite überfliegen, nur die Überschrift sehen und dann mit den Augen an der linken Kante des Textes nach unten gleiten.
Das bedeutet:
Von den Überschriften und Textlinks sehen sie immer nur die ersten paar Buchstaben, zwei Wörter vielleicht.
(Die deutsche Übersetzung des Artikels gibt's kostenlos bei mir.)
Dort müssen genau die Worte stehen, die die Besucher festhalten und auf Folgeseiten locken, wo man sie in ein Geschäft verwickeln kann.
Das funktioniert nur dann, wenn diese Worte
  • sehr konkret sind
  • und den Besuchern bestens geläufig.
Erfahrene Texter sind's, die diese Worte finden...

Dienstag, 17. Februar 2009

Die hinterletzten Phrasen in Werbung und Journalismus

  1. Natur pur
  2. Angefangen vom ersten Kundenkontakt über die gesamte Blablablubb bis hin zur Integration von Pi, Pa und Po konzipieren und optimieren wir Ihre gesamten Dingenskirchen. (grrrrrrrichkannesnichtmehrsehengehmirausdenaugenhuschhusch!)
  3. knapp jede fünfte Frau (warum nicht einfach: 19% der Frauen?)

Montag, 9. Februar 2009

Namen sind Milch

Namen sind Schall und Rauch? Von wegen!

Rinder mit Namen geben mehr Milch

London (dpa). Kühe mit persönlichem Namen geben einer Studie zufolge mehr Milch als ihre namenlosen Artgenossen. Forscher der britischen Newcastle-Universität fanden heraus, dass Kühe, die insgesamt mehr Zuneigung erfahren, auch glücklicher sind und darum größere Milchmengen produzieren. Eine Kuh, die nur wie eine unter vielen behandelt wird, gebe pro Jahr bis zu 258 Liter weniger Milch. Für die Studie wurden 516 Milchbauern befragt.

© 2009 Neue Westfälische, 29. Januar 2009

Montag, 22. Dezember 2008

Debatte über Werbe-Denglisch

Im Literaturhaus Berlin diskutierten Prof. Christoph Fasel, Experte für Verbraucherjournalismus, und Volker Nickel vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft über Sinn und Unsinn englischer Werbeslogans wie "Feel the Difference" oder "Welcome to the Becks Experience".
Bericht im manager-magazin 12.12.2008

Tatsache ist: Die Mehrheit der Deutschen versteht da nur Bahnhof (oder hört gar nicht hin). Wozu für teures Geld einen Slogan verkünden, den kaum einer richtig versteht? Will Becks sein Bier wirklich nur an Leute verkaufen, die auf Anhieb wissen, dass "experience" nicht "Experiment", sondern "Erlebnis" heißt? Kann Becks es sich wirklich leisten, alle potenziellen Käufer abzuschrecken, die sich beim Bier lieber auf keine Experimente einlassen?

Dass englische Slogans die meisten Deutschen kalt lassen, hat die Dortmunder Statistikerin Isabell Kick schon 2004 gemessen (Spiegel Online 28.7.2004). Meine Hypothese dazu: Das liegt daran, dass deutsche Muttersprachler die englischen Slogans nicht hören, wenn sie sie lesen. Das Lesen löst kein Hör-Erlebnis aus. Diese Slogans sprechen nicht; sie sind stumm. (Was wiederum damit zu tun hat, dass die meisten nicht so genau wissen, wie die englischen Wörter korrekt auszusprechen sind. Und damit, dass Englisch automatisch mit Werbung assoziiert wird, also als überflüssig gilt.)

Nickel konterte etwas dümmlich mit der Frage, ob man künftig nicht mehr "Toaster" oder "cool" sagen dürfe. Als ob jemand so etwas fordern würde. Aber "experience" muss man wirklich nicht sagen, wenn man genau so gut "Erlebnis" sagen kann.

Zurecht verwies Nickel auf die größeren Probleme, die "verklausuliertes Beamtendeutsch" verursacht. Dass dieses und "englische Fachausdrücke" oft auf dem gleichen Mist wachsen, habe ich hier schon vor Jahren aufgespießt:
Warum Canceln typisch deutsch ist

Zum Abschluss brachte Nickel ein wegweisendes Beispiel: Der McDonald's-Slogan "Ich liebe es" hat von Deutschland aus, übersetzt in die jeweilige Landessprache, einen Siegeszug um die Welt angetreten. Genau! Habt den Mut, Gefühle in Deutschland in den Worten auszudrücken, die ihr als Kind zu diesem Zweck gelernt habt! Nur so können kräftige, siegreiche Slogans entstehen.

Und habt den Mut, erfolgreiche englische Slogans für den deutschsprachigen Markt in gutes Deutsch zu übersetzen! Dabei helfen Werbetexter und Übersetzer;-)

Freitag, 5. Dezember 2008

Neues Web-Werkzeug: Suchwort-Textmarker

Gugle mal "angebote schreiben" und klicke den Treffer "Überzeugende Angebote schreiben - LASERLINE Fachthemen" an. Schau mal an: Auf der Webseite sind deine Suchworte gelb markiert wie mit einem Textmarker. Gugle "Akquise gehört zum täglichen Brot", klick die gleiche Seite an wie vorher - auch diesmal sind deine Suchwörter "Akquise" und "Brot" markiert.

Wie funktioniert das? Das geht mit dem Javascript-Befehl searchhi.js. Stuart Langridge beschreibt hier, wie man das macht.

Vorteil: So unterstützt man das, was viele Webbesucher ohnehin machen, wenn sie über Suchmaschinen auf eine Seite kommen: Sie scannen die Seite nach ihrem Suchwort ab. Die Markierung zeigt ihnen auf einen Blick, dass die Seite wirklich von ihrem Thema handelt.

Freitag, 7. November 2008

Usability einer Website entscheidet über Konversion

Markus Mattscheck vom Portal Wer liefert was hat in business-wissen die wichtigsten Fakten über Web-Usability zusammengefasst. Ob Besucher einer Website zu Interessenten und Kunden werden - die sog. Konversion - entscheidet sich oft danach, ob

  • die Schrift leicht zu lesen ist (d. h. groß genug, kontrastreich genug),

  • die Startseite den Sinn der Website für den Besucher in zwei, drei Sätzen auf den Punkt bringt,

  • die Navigation übersichtlich ist und mit gewohnten Begriffen arbeitet,

  • die Besucher wichtige Produktinformationen schnell finden und verstehen,

  • die Besucher schnell sehen, wie sie unverbindlich Kontakt zur Firma aufnehmen können (z. B. über ein Kontaktformular mit ganz wenig Feldern).

Dienstag, 16. September 2008

Fragen, Antworten, Bewerten, Bearbeiten

Die usamischen Programmierer Jeff Atwood und Joel Spolsky haben mit Stack Overflow ein interessantes Produkt gestartet, das ein typisches Internet-Problem in den Griff kriegen soll: Nützliche Antworten auf Fragen (z. B. in Foren) gehen oft unter in einem Wust unbrauchbarer Textfragmente. Bei Stack Overlow können Programmierer spezifische Fragen stellen, und andere beantworten die Fragen. Die übrigen Nutzer bewerten die Antworten, wodurch die nützlichsten nach oben kommen wie bei Google. Gleichzeitig kann man die Antworten bearbeiten wie in einem Wiki und so z. B. eine in der Diskussion zerrissene Antwort bzw. Lösung zusammenfügen oder die Antwort an neuere Verhältnisse anpassen. Spolsky erklärt das Ganze hier.
Liebe Programmierer! Mich würde brennend interessieren, ob das funktioniert.

Montag, 5. Mai 2008

Das sprechende Augentier

Michael Blaschke vom Bielefelder Unternehmen »filmzeit« warb auf der Kongressmesse »Mehr Erfolg im Mittelstand« am 23. April 2008 in Bielefeld mit einem Vortrag über den Menschen als »Augentier« für sein Produkt: Firmenfilme, die man auf der Website zur Verfügung stellen kann.

Seiner Meinung nach schlägt der Gesichtssinn bei Weitem alle anderen Sinne und vor allem alles Geschriebene. Zum »Beweis« lies er Filmszenen laufen und mokierte sich immer wieder scheinbar darüber, dass das Publikum den Szenen im Hintergrund mehr Aufmerksamkeit zu widmen schien als seinen Worten. Der im Publikum anwesende Texter kam leider erst später auf die Idee, Herrn Blaschke mit einem Zwischenruf zu verunsichern: »Herr Blaschke!«

Da hätte er geguckt und einen Moment geschwiegen, und der Texter hätte gesagt: Sie erleben gerade, wie stark das sprechende Tier Michael Blaschke auf ein gesprochenes Wort reagiert. Nicht umsonst definiert sich der Mensch schon seit Jahrtausenden vor allem über seine Fähigkeit zu sprechen. Und das Sprechen hat immer primär mit Schall, mit Hören zu tun. Wir können also das sprechende und zuhörende Tier gleichberechtigt neben das Augentier stellen.

In die gleiche Kerbe schlagen auch Blaschkes Filme: In fast allen Filmen spielen Interviews die Hauptrolle – also sprechende Menschen. Ohne Ton, ohne Text wären diese Filme weitgehend wertlos.

Firmenfilme sind sicher ein interessantes Medium, aber kein Allheilmittel. Michael Blaschke versuchte, sie gegen die vielen Prospekte auszuspielen, die man auf der Messe mitnimmt und später fast ungelesen wegwirft. Dieses Schicksal trifft vor allem die Mehrheit der schlecht gemachten Prospekte. Doch ein ganz ähnliches Schicksal trifft vermutlich die Mehrheit der schlecht gemachten Firmenfilme. Man hat sie zwar gesehen, aber schon eine Viertelstunde später wieder komplett vergessen. Warum sollte man sich die 63. spiegelnde Marmorfassade vor blauem Himmel merken? Warum sollte man sich die 28. Automatenhand, die ihr Werkteil sicher gepackt und blitzschnell umgedreht hat, merken? Warum sollte man sich die 48. Lastwagenflotte, die dynamisch und voller Fernweh einen großen Parkplatz verziert, merken?

Was Michael Blaschke über die Werbewirkung von Firmenfilmen gesagt hat, trifft nur für die guten Firmenfilme zu. Die guten Werbeprospekte schaffen das aber auch.

Jens Jürgen Korff, Werbetexter in Bielefeld
korffTEXT - Worte, die bewegen



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